Es werden im historischen Rückblick keine Namen oder Organisationen genannt, aber die Geschichte kommt uns bekannt vor ...

"Religion als öffentliche Angelegenheit

Warum interessiert sich der Staat für Religion?

Dr. Werner Haug, Mitglied der Leitungsgruppe des NFP 58

... 1. die konsequente Durchsetzung der Glaubens- und Gewissensfreiheit im positiven wie im negativen Sinne;

2. die Sicherstellung der Menschen- und Grundrechte vor religiös begründeten Ein- und Übergriffen, unabhängig davon ob diese sich nun auf kanonisches Recht, auf Sektenregeln oder die Scharia berufen;

3. die Sicherstellung von Transparenz und der Konformität mit demokratischen Spielregeln, wenn es um die innere Verfassung von Kirchen und Religionsgemeinschaften geht, die staatliche Anerkennung einfordern ...

... lesen sie mehr beim NFP 58 ..."

... mehr auf dem Internet-Auftritt des NFP 58 ...

... für "eilige Leser" nur diese Zusammenfassung ...

" ... Die religiöse Landschaft der Schweiz ist in einem tiefgehenden Veränderungsprozess begriffen, der sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen niederschlägt: Durch die Forderung von Migrantengruppen nach Partizipation am öffentlichen Leben wird die Gesellschaft herausgefordert, über ihre eigene religiös-kulturelle Identität und die nationalen Fundamente nachzudenken. Die neu entstandenen Religionsgemeinschaften verfügen noch nicht über die nötigen Institutionen (Gemeindestrukturen, Religionsgelehrte, Baulichkeiten, Erziehungseinrichtungen), um ihr religiöses Leben dauerhaft zu gestalten, ihren Angehörigen den nötigen Rückhalt zu gewähren, sich verlässlich in der Schweiz zu integrieren und der Gefahr der Instrumentalisierung durch radikale Strömungen gewachsen zu sein. Die christlichen Kirchen sind zum Dialog mit einer weithin religionsentfremdeten Gesellschaft gefordert, zugleich aber auch zum Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften, die ihr Selbstverständnis moderner christlicher Identität nicht teilen. Die einzelnen Menschen sind gezwungen, sich selbstverantwortlich mit der Religionsthematik zu beschäftigen. Angesichts der religiösen Pluralisierung steht der Staat vor der Aufgabe, sein Verhältnis zu den in der Schweiz wirkenden Religionsgemeinschaften zu überprüfen. Er muss sich fragen, ob und wie er mit seinem Religionsrecht auf die neu entstandene multireligiöse und multikulturelle Lage reagieren soll. Muss der Staat angesichts der aktuellen und zu erwartenden Herausforderungen stärker als bisher in Fragen der Religion aktiv werden? ..."



Vor einem Jahr erschienen:
Kurs für muslimische Kaderleute statt für Jugendliche

Vor zwei Jahren erschienen:
Flugzeugentführer und Entführte - keine Spur von Hass

Vor drei Jahren erschienen:
Human Right Conference

Vor vier Jahren erschienen:
Menschenrechtsrat beschlossen

© libref - Text: Stephan Marti - Finanzblog
Ein Portrait des Vereins freier Protestanten CH - libref. - hat Jean-Claude Cantieni zusammengestellt:

"Reformkreise, welche die Staatskirche des frühen 19. Jahrhunderts bekämpften, gründeten den Schweizerischen Verein für freies Christentum 1871, um eine Bekenntniserneuerung und freierer Formen der Liturgie zu erwirken, Dogmen zu bestreiten: Die Bibel ist das Objekt der Religion, dessen Studium Ideen entspringen, und das Christentum als Geschichte ist die eines Verlierers, darin die Stimme Gottes trotzdem hörbar blieb. Stimme Gottes, kein Text, lautete und lautet das Credo freier Protestanten. Die Bibel ist eine Chance, diese Stimme inhaltlich und doch vorurteilsfrei zu erörtern, zu diskutieren. Wir gestehen der Bibel eine Art Definitionshoheit gerne insoweit zu, als ‚die religiöse Frage’ darin so definiert erscheint, dass keine vorschnellen Antworten den freien Diskurs übers göttliche Vertrauen in uns und dasjenige damit unter uns hemmen, so dass Welt in Besonnenheit zu Ende zu denken, statt ein Weltende zu fürchten ist.

Die Schweiz befand sich nach dem Aufbruche der Französischen Revolution, die Napoleon mit dem Bajonett ins Land getragen hatte, in einer Restaurationsphase zusammen mit dem übrigen Europa: Regierungsmitglieder sassen in Kirchengremien - teils auch protestantische selbst bspw. im Domkapitel des Bistums Chur – in Gremien, in welchen der geistliche Stand in Synoden das Sagen hatte. Unser Verein wollte die Freiheit des einzelnen Gewissens deshalb in den Verfassungsrang heben, wie denn auch in der ersten grossen Verfassungsnovelle von 1874 geschehen. Die freien Protestanten hatten sich als ‚Lobby’ bewährt. Die Freiheit des Gewissens, Freiheit des Wissens und des Glaubens kommt seither noch vor der Freiheit der Kirche, und insoweit spiegelt sich in der Gründungsgeschichte des freien Christentums der Schweiz auch der Kulturkampf zwischen den Katholischen & Reformierten, der noch dadurch verschärft wurde, dass die Katholische Kirche dem Papst als ausländischer Macht attestierte, ex cathedra über das einzelne Gewissen verfügen zu können. Die Lockerung kam erst im Vaticanum II. So wollte und will das freie Christentum, heute unter dem Kürzel libref. das ‚Wunder der Freiheit’ verteidigen, das heute immer noch gefährdet ist, indem Träger der Freiheit unter staatlichem Vorzeichen ‚der’ Mensch, die Gattung Mensch statt die Person als Sitz des Gewissens ist. Der juridische Naturalismus etwa in der aktuellen Ethikdebatte zum Embryonenschutz einerseits, zur aktiven Sterbebegleitung anderseits zeigt, wie sehr Person und Mensch unter dem staatlichen Gleichbehandlungspostulat kurzgeschlossen werden. Der Unterschied, die Alternative, eine Kultur der Differenz im aushalten des ‚Andern’ als Stil will betont sein. Die Alternative ist schon selbst eine Form des Liberalen, Freiheit des Denkens & Glaubens.

Henry Dunant hatte soeben das Rote Kreuz gegründet, Krankenschwestern als eigner Berufstand, Diakonie, waren nun gefragt. Aus dem freien Protestantismus heraus wurde das Schwesternhaus des Roten Kreuzes in Zürich-Fluntern durch Hermann W. Bion gegründet, wurde Theologie praktisch. Auch Pestalozzis Wirken dafür, dass im Hause zu beginnen hat, was im Vaterlande leuchten soll, blieb in Erinnerung. Das Volksschriftenkomitée des SVffr.Chr. gab durch Pfarrer R. Grubenmann in Chur ein gebets- & Andachtsbuch (bis in 7. Auflage) heraus, das sich an die familiäre Sitte des Betens in häuslichem Gottesdienste wandte. ‚Besser werden, nicht es besser haben ’mit diesen Worten wandte sich J. Baur an der Jahresversammlung von 1884 gegen die drohende Zweiklassengesellschaft im anbrechenden Industriezeitalter.

Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts erschütterten den Optimismus des freien Protestanten, welcher sich eher an der Würde der Person als an der Schuld der Menschheit orientierte. Eine Jahresversammlung in der Zwischenkriegszeit (horribile dictu) verinnerlichte die personale Freiheit in durch die Geschichte verschütteten Schichten der Psyche. Glaubenswissenschaft ortete Religion in der Teilhabe an der ecclesia invisibilis aller, die von Christus erfasst sind. Der freie Protestantismus ist die andere Seite der in Machtfragen mitverwickelten Kirche, die religiöse Persönlichkeit und das Reich Gottes waren das Bezugspaar.

Mit der Moderne wurde Religion vieldeutiger. Ihr äusserster Bezugsrahmen - und zugleich ihr Kern – bleibt dennoch Freiheit nicht die Wahrheit an sich, die eine Religion vür sich beansprucht. Das Wahre ist die Wahrheit (Max Weber). Neue Chancen für die (Selbst-)Erfahrung von Religion ergaben und ergeben sich hieraus. Der freie Protestantismus öffnete sich dem Dialog der Religionen u.a. an einer kürzlichen Jahresversammlung im Kloster Kappel. Klar wurde dabei auch, dass das damalige Versöhnungs-Modell im multikonfessionellen Umfelde nicht mehr praktizierbar war. Öffentliches Denken, die Parrhesia, auf welche das antike Griechentum pochte, und dank welchem Paulus in Athen den ‚unbekannten Gott’ predigen konnte, war und ist gefragt. Eine Synode in Bivio, dem Ort, von dessen Bergsee am Longhin drei Flüsse in drei Meere strömen, dessen Einwohner sich in mindestens vier Sprachen verständigen, und wo die früheste freie Pfarrwahl unter den Glaubensgenossen vielleicht europaweit vorbildlich gewährt war, bestärkte in der Zuversicht des Dialogs. Ein liberaler Muslim, schweizerisch-pakistanischer Doppelbürger, wirkte erstmals mit unter freien Protestanten, mehr als nur geduldet.

Die wirtschaftliche Grosswetterlage verdüstert sich. In Hochkonjunkturzeiten war Toleranz ziemlich problemlos zu praktizieren. Wenn sich nun Differenzen verschärfen, wird der Umgang schwieriger, das freie Christentum auferlegt sich deshalb eine Kultur der Differenz zu sich selber und im Verhältnis zum andern, eingedenk der Andersartigkeit des von Paulus im damaligen Athen gepredigten ‚unbekannten’ Gottes, dessen Bekanntheit von so vielen Menschen heute fingiert wird. Die Demut des Nichtwissens will als Chance für Toleranz dem Leben selbst gegenüber verstanden in einer Zeit sein, in welcher wir alle an unsrer massgeschneiderten Konfession weben und zugleich kollektive Sicherheiten reklamieren statt Wagnisse eingehn. Der Aufklärer Friedrich der Grosse verfasste ein Traktat ‚Von der Eigenliebe zur Vaterlandsliebe’. Transponieren wir dieses Vaterland ins Sacrum imperium der Glaubensfreiheit dessen, dass Ostern heisst: ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen als des ‚Andern’ versammelt sind , bin ich mitten unter ihnen’ (statt in einen paternalistisch organisierten Himmel entrückt auferstanden).

Die Bibel selbst fordert und fördert ein Engagement , auf Sicherheiten, auch Glaubenssicherheiten zu verzichten, sich zu exponieren. Christus starb, für einen kurzen Moment vom Vater verlassen, am Kreuze im Bewusstsein seines Aufgenommenwerdens beim himmlischen Vater, Selbtmordattentäter sterben in der Erwartung eines überirdischen, mit sinnlichen Ködern gespickten Lohns, Sokrates hatte diese Sicherheit nicht. Er nahm den Schierlingsbecher mit den durch Platon überlieferten Worten: ‚Es ist Zeit, von hier zu gehen, für mich, um zu sterben, für euch, um zu überleben. Wer zum Bessern kommt, weiss einzig Gott’, ‚etsi deus daretur’ falls Gott existiert, würde ein akademischer wichtiger Gedankenanreger des freien Protestantismus der neuern Zeit (1922-1977), Ulrich Neuenschwander, hinzufügen. Dieses ‚als ob’ verlangt Durchhaltevermögen, den guten Kampf im Glaubenhalten durchfechten, die Suche nach Argumenten, nicht Dogmen, die Fragen anmassend präjudizieren. Preisausschreiben, prominent juriert und in der Öffentlichkeit kommuniziert, zu Gedanken- & Glaubensgut des freien Protestantismus, sollen die argumentative Praxis im Vorletzten kräftigen, um, wenn wir nochmals zu Sokrates zurückkehren wollen, auf einem göttlichen Wort hindurch zu schiffen, hoffend in Glauben und Liebe, das Erwartete nicht selbstbetrügerisch vorwegnehmen wollend. Als liberale Christen begnügen wir uns mit Glaube, Liebe Hoffnung; Hoffnung, die sich von Projektionen abgrenzt, verharren bescheiden in der Hoffnung, ohne das Himmelreich durch eine neue Praesumptio, mit welcher Gott auf die Erde gezwungen sein will, vorweg nehmen zu wollen: Hoffen mag zwar mühseliger, doch vielleicht wahrer sein. Argumente stärken den Durchhaltewillen im Hoffen.

Über Stiftungen wie die Neuenschwander-Stiftung, doch auch die Heinrich Lang nachbenannte Langstiftung wird in liberale Theologie durch Publikationsbeiträge, Studienausbildung, in die Lehre investiert. Luther lehrte zwar, ‚er möge nit leiden Mass, die Schrift auszulegen’ (1520). Das Wort Gottes lehre selbst schon Freiheit. Das will in aller Masslosigkeit, Anmassung, medialer Manipulation, Bilderseligkeit… von heute neu verstanden sein: Auch ein Menschenrecht auf recht verstandne Freiheit? - Die Bundesverfassung kennt keinen Religionsartikel mehr. Vielleicht, dass dem liberalen Protestantismus wie 1871 zu seiner Gründung als Verein ein Mandat zuwächst, einen Artikel zu präsentieren, wonach Staat & Kirche sich zusammen sich auf eine Menschenwürde hin verpflichten, welche dazu zu verhalten hat, einen freien Gewissensentscheid in einer Welt von lediglicher Konditionierung auch effektiv auszuüben, deren übermächtige ideologische Maske zu durchbrechen, um dahinter aufs ‚wahre Gesicht’ zu stossen. Die Maske ist im Alltagsleben ja wirkmächtiger als das Gesicht, worunter Selbstverständnis, ein dringendes aufklärerisches Postulat, wie Selbstverständlichkeiten strapaziert werden. Mit dem Prix libref. ehrte deshalb der Verein Frau Dr. h.c. Gret Haller für ihr menschenrechtliches Engagement an seiner letzten Jahresversammlung in Luzern. Im menschenrechtlichen Leitbegriff der Menschenwürde, die sich von einer Religion abhebt, welche Sünde in den Mittelpunkt stellt, will ein Epochenaufbruch mit verstanden sein. Eine zweite Aufklärung unter den Völkern hat begonnen, die besagt, dass die Welt in ihrem Wesen den Menschen in seinem Denken und im seinen Denken als Mensch braucht. Wir engagieren uns für ein Wesen des Menschlichen, das im Denken der Wahrheit des Seins in Gott beruht. Beruht? Ruch statt Ruhe steckt darin.


Libref. widmet sich den Menschen- Rechten, um in ihnen die Menschenwürde zu ahnen, wofür Gott selbst einsteht, woraus natürlich- ‚heilige’ Verpflichtungen in Zeit und Raum, die verborgne Freiheit des Evangeliums wahrzunehmen, in die Wahr zu nehmen."



Vor einem Jahr erschienen:
Verhältnis zwischen Kirche und Staat

Vor zwei Jahren erschienen:
Pfarrer begrüsst Ex Mister Schweiz

Vor drei Jahren erschienen:


Text und Foto: Stephan Marti - Finanzblog
Laudatio für Gret Haller anlässlich der Verleihung des prix libref. gehalten von Prof. Dr. Reiner Anselm, geschäftsführender Direktor des ZRWP das Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) der Universitäten Basel, Lausanne, Luzern und Zürich sowie des Collegium Helveticum.

"Soll denn der Knoten der Geschichte so auseinandergehen: das Christentum mit der Barbarei, die Wissenschaft mit dem Unglauben?" In dieser Frage, die der Berliner Theologe Friedrich Schleiermacher in einem Brief an seinen Freund Friedrich Lücke formulierte, bündelt sich knapp und präzise das Programm liberaler Theologie - zumindest dann, wenn man diese Frage als eine rhetorische Frage begreift. Natürlich möchte Schleiermacher einen Weg finden, der das Zusammenbestehen von (moderner) Wissenschaft und (überliefertem) Christentum möglich macht. Dazu gilt es, so seine Überzeugung, zuvörderst in Kirche und Theologie der gewachsenen Sensibilität für die Autonomie des Einzelnen Rechnung zu tragen. Nur wenn auch die Praxis der christlichen Kirchen der Forderung Kants, derzufolge das "Ich denke", alle meine Vorstellungen begleiten können müsse, Rechnung trage, nur dann sei ein solches Zusammenbestehen denkbar.

Das bedeutet zunächst, den Einzelnen und seinen Glauben, seine persönliche Beziehung zu Gott, in den Mittelpunkt des theologischen Denkens zu rücken. Diese Umstellung, die später von Karl Barth zu Unrecht als der titanenhafte Versuch des Menschen, sich über Gott zu erheben, gedeutet wird, ist die zeit- und sachgemäße Interpretation der reformatorischen Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben. Keine andere Instanz, auch keine Institution und erst recht kein Handeln kann zwischen Gott und Mensch treten. Allein der höchstpersönliche Glaube kann das Verhältnis zu Gott begründen - besser noch: Im individuellen Glauben bildet sich die Beziehung des Einzelnen zu Gott ab. Dies ist keinem anderen zugänglich, niemand kann darüber wachen oder urteilen. Wie ursprünglich bei den Reformatoren festgehalten, kommen Kirche und dem Predigtamt nur eine unterstützende, anbahnende Funktion für den persönlichen Glauben zu. Dass und wie sich die Gottesbeziehung aber gestaltet, ist allein dem persönlichen Verhältnis zwischen Gott und einem Einzelnen vorbehalten.

Vor diesem Hintergrund erscheint es aus heutiger Sicht nur konsequent, dass sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts Vereinigungen bildeten, die die liberale Überzeugung auch in den Staatsverfassungen vertreten sehen wollten. Selbstverständlich aber war es nicht, da parallel zu der Entstehung des modernen Europa und der Etablierung liberale Gedankenmuster in der Wissenschaft und der Gesellschaft sich auch ausgesprochen restaurative Züge in den Kirchen Europas zu regen begannen. Hier sah man in dem Aufstieg des Individuums, das auch die großen ökonomischen Veränderungen und Fortschritte, aber auch die sozialen Notlagen der ersten industriellen Revolution hervorbrachte, eine Gefahr für das Gemeinwesen. Darum waren diese Kräfte darum bemüht, die neu gewonnenen Freiheiten des Einzelnen wieder rückgängig zu machen.

Es gehört zu den besonderen Verdiensten der schweizerischen Vereinigung für das freie Christentum, dass es ihr gelang, bei der Neugestaltung der Bundesverfassung von 1874 einen Artikel über die Religionsfreiheit einzuschreiben. Damit wurde ein wichtiger Grundstein für die Etablierung des Menschenrechtsgedankens in der modernen Schweiz gelegt, auch wenn man aus heutiger Sicht sagen muss, dass die Akzeptanz dieses Artikels wohl eher aus dem Wunsch, die Macht der katholischen Kirche zu begrenzen denn aus einer modernen

Für die Vordenker des liberalen Christentums stand dabei außer Zweifel, dass dieses Recht auf Religionsfreiheit nicht den Rückzug in eine individualistische Auffassung des Christentums sein könnte. Vielmehr war man davon überzeugt, dass gerade ein selbst und frei gewähltes, eben nicht durch die kirchlichen Autoritäten aufgenötigtes Christentum eine besonders tragfähige Grundlage für einen aus christlicher Motivation begründeten Dienst am Nächsten darstellt. Freies Christentum, liberale Gesinnung und Hinwendung zum Nächsten schließen sich also nicht aus, sondern bedingen einander. Dementsprechend ist Freiheit in der liberalen Theologie und im freiheitlichen Protestantismus auch nie nur als eine Freiheit von, sondern immer auch als eine Freiheit zu verstanden worden. Hier nimmt die liberale Tradition die Grundfigur Immanuel Kants auf, dessen Ethik der Autonomie eben die Verbindung von individueller Freiheit und Überzeugung und Orientierung am Nächsten, am Gemeinwohl vor Augen hatte. In keiner Figur wird diese Verbindung deutlicher als bei Albert Schweitzer, dem großen liberalen Universalgelehrten und Vorbild für sozial-caritatives Handeln. Seine Leitformel, ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will, bringt den Zusammenhang von individueller Freiheit und Orientierung am Nächsten deutlich zum Ausdruck, wobei Schweitzer den Nächsten auch in der nicht-menschlichen Natur sehen wollte. Dem Bemühen, beides, eigene Freiheit und Dienstbarkeit am Nächsten zusammenzubringen, galt Schweitzers ganzes Engagement.

Die Verbindung von individueller Freiheit und Orientierung am Nächsten, am Gemeinwohl, das auch und gerade das Recht der Schwächeren mit einbezieht, ist nach den grausamen Erfahrungen des 2. Weltkriegs zum Inbegriff der Menschenrechtstradition geworden. Die Eckdaten der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der Proklamierung unverbrüchlicher Rechte des Einzelnen, die auch den Schutz der Glaubens- und Gewissensfreiheit einschließen, ist längst Allgemeingut geworden. Aber die Frage, wie die Balance zwischen Freiheitsrechten des Einzelnen und der Orientierung am Nächsten und am Gemeinwohl gehalten werden kann, bleibt nach wie vor eine große Aufgabe. Sie ist eng verbunden mit der Frage, ob eigentlich das Konzept der modernen Menschenrechte denkbar ist ohne das Verbindende Band einer gemeinsamen Religion bzw. einer Weltanschauung. Denn gerade der Toleranzartikel der Bundesverfassung von 1874 hat natürlich keineswegs eine mulitreligiöse Gesellschaft vor Augen sondern denkt und argumentiert von einer gemeinsamen Religion her, dem Christentum nämlich.

In der jüngeren Vergangenheit nun mehren sich die Stimmen, die die auf die besondere Bedeutung der Religion für die Vermittlung von gesellschaftlichen Normen und Werten hinweisen. Nur die Religion, so heißt es nun, könne diejenigen Wertvorstellungen vermitteln, auf die auch ein moderner Staat angewiesen sei, wollte er nicht einem schrankenlosen Individualismus verfallen. Häufig wird dabei auf das berühmte Zitat von Ernst-Wolfgang Böckenförde verwiesen, demzufolge der moderne, freiheitliche Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. Diese Einschätzung ist aber nur zum Teil korrekt. Denn dies gilt nur für Religionen, die sich selbst dem Prozess vernünftiger Reflexion unterziehen. Jürgen Habermas hat in seiner berühmten Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2001 auf diesen Sacherverhalt hingewiesen.

Der Kampf um die Etablierung der Glaubens- und Gewissensfreiheit mag Geschichte sein. Das im Hintergrund stehende Bestreben, die Kompatibilität von Glauben und Vernunft zu erreichen und das Christentum nicht auf Autorität, sondern auf einer der Vernunft des einsichtig zu machenden Lehre zu begründen, ist aber bleibend aktuell. Dementsprechend stellt sich die Frage nach der Thematisierung der Religion im modernen Verfassungsstaat heute nachdrücklich anders als vor gut 130 Jahren. Die Freiheit für ein selbstbestimmtes, vernünftig reflektiertes Christentum muss nicht mehr vom Staat erkämpft werden, vielmehr ist der Staat darauf hinzuweisen, dass er allen Religionen, die er dulden kann und möchte, im Interesse des gemeinsamen, konstruktiven Zusammenlebens eine vernünftige Selbstreflexion aufdrängt. Im Blick auf das Verständnis der Menschenrechte bedeutet dies, dass das Recht auf Religionsfreiheit nicht gegen den Staat verstanden werden kann, als vorstaatliches Recht, so wie es in der US-amerikanischen Tradition der Fall ist. Vielmehr gilt es, die Religionsfreiheit als ein vom Staat verliehenes und im Gegenüber zum Staat ausgebildetes Recht zu verstehen, bei der der Staat sich aus der kontroversen Frage nach der Wahrheit zurückzieht, dafür aber den Religionen eben die geschilderte Selbstreflexion aufnötigt. Um als Religion anerkannt zu werden, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Eben dies ist die europäische Linie der Religionspolitik, und eben hier hat Gret Haller, die erste Preisträgerin des prix libref. Wichtige Vorarbeiten geleitet, und zwar sowohl in ihrem Buch "Politik der Götter" von 2005, aber auch in der Studie "The limits of atlanticism" . Vor allem aber hat sie mit ihrem Referat und ihrer kritisch-konstruktiven Präsenz bei der Synode in Bivio 2007 dem Schweizerischen Verein für freies Christentum libref. Die entscheidenden Anstöße und Impulse gegeben, um seine Arbeit in dem genannten Sinne, im Blick auf eine Ergänzung der geltenden Bundesverfassung um einen Religionsartikel, der die Religionsfreiheit anerkennt und gleichzeitig aber den Religionen Angebote und Auflagen macht für die Durchführung und Wahrnehmung einer "vernünftigen Selbstreflexion". Darum wird sie mit dem ersten prix libref. ausgezeichnet."

Reiner Anselm


Reiner Anselm

Prof. Dr. Reiner Anselm ...

Reiner Anselm und Gret Haller

... die Preisträgerin Dr. Dr. h.c. Gret Haller ...

Susanne Leuzinger-Naef

... Dr. Susanne Leuzinger-Naef (Vizepräsidentin des Bundesgerichts) hielt die Würdigung von Gret Haller ...

Stephan Marti und Gret Haller


... Bahn frei zum Rednerpult, denn der administrative oder finanzielle Akt gingen eben über die Bühne ...

Vor einem Jahr erschienen:
Bruno's letzte Reise - Glaube, Hoffnung, Liebe

Vor zwei Jahren erschienen:
Höchstgeschwindigkeit

Vor drei Jahren erschienen:
Bravo, WEF - die gleichen Gäste

Zusammenstellung und Fotos (bis auf die letzte, die stammt von Jean-Claude Cantieni): Stephan Marti - Finanzblog
Die diesjährige Hauptversammlung wird eine der wichtigsten ...

... bei Traktandum 7 "Satzungsänderung" geht es darum, ob unser Verein nach 137 Jahren aufgelöst wird oder ob es weitergeht. In diesem Fall wäre mit grösster Sicherheit die Verleihung des "prix libref" wiederkehrend.

Erste Preisträgerin ist Frau Dr. Dr. h.c. Gret Haller.



Einladung und Traktandenliste (pdf - gleichesFenster)


Vor einem Jahr erschienen: «Pop-Musik in Kirchen erwünscht»

Vor zwei Jahren erschienen: Saint Ambroix - Departement Gard - mehr über den Tempel

Vor drei Jahren erschienen: Spiritus contra Benzin

ext und Foto: Stephan Marti - Finanzblog
Gestern fand die Trauerfeier unseres ehemaliges Vorstandsmitglied Pfarrer Bruno Weber an seinem früheren Arbeitsort im Berner Münster statt.

«Lieber Bruno

es ist noch nicht lange her, dass wir pro Jahr einige Male über Gott und die Welt diskutieren sollten, wollten und meist viel zu wenig Zeit dafür gefunden haben.

Ob Du diese Zeilen noch lesen kannst, ist eigentlich nur der Versuch eines Liberalen, die Grenzen zu testen. Vermutlich schreibe ich nur zur Erinnerung Deiner Angehörigen, die Dich mehr vermissen, noch intensiver, näher sind.

Uns fehlst Du. Besonders mir. Ich musste und darf weiterhin im Blog publizieren und war auf «Eingebungen», Eure Idee, Korrekturen oder Meinungen angewiesen. Du warst nach der Neuausrichtung der einzige Pfarrer, der regelmässig teilgenommen hat. Übrigens, Dein Nachfolger wohnt jetzt in Deiner Heimatstadt Basel - zuvor hat er in einer Stadt zwischen Bergen gepredigt - in Chur. Vor Bern warst Du in den Bergen an der Lenk und in de Stadt Winterthur als Pfarrer tätig.

Ich mochte Deine Kultur und schätzte Dein Wissen. Und wenn ich unsere Begegnungen Revue passieren lasse, muss auch das Wort «Streikultur» auf das Tapet. Wir waren beide der Ansicht, dass unser Name «Schweizerischer Verein für freies Christentum» überholt war. Wer mit dem neuen Namen Recht bekommt, wird die Geschichte zeigen. Die bereits zurückgelegte Geschichte hast Du auch anders interpretiert. Mein Vorschlag «libref» hat gesiegt. Deine Erfahrung hatte Angst mit möglichen Verwechslungen zu neoliberal. Für die Beschlusssitzung hast Du Dich entschuldigt und mit einem langen Brief zu Wort gemeldet. Dieser Brief bleibt in den Akten und wird wie die schon fast 140 Jahre lang gesammelten Unterlagen unseres Vereins auch einmal im Staatsarchiv Bern zu finden sein.

Die Geschichte wird es zeigen. Ich werde sie, so Gott will, entsprechend weiter verfolgen. Du hast sie selbst mitgeprägt. Menschenrechte - Menschenpflichten. Hast mitgeholfen, die zweite Kappeler Milchsuppe ins Leben zu rufen und bist dadurch Bundespräsident Pascal Couchepin zuvor gekommen. In der Hoffnung, nach dem gemeinsamen Mahl nicht in die Schlacht zu steigen, sondern friedlich zusammen leben.

Auf Deiner «letzten Reise» wünsche ich Dir, dass Du dich von den letzten Monaten erholen kannst, auf ein reich befrachtetes Leben zurück blickst - nein, dass Du vorausschaust und diesmal ohne Last.

Alles Gute

Stephan

Pfarrer Bruno Weber

... Pfarrer Bruno Weber wie wir ihn kannten - vorausschauend, nicht rückwärtsblickend. Jetzt ohne Last. Zum Abschiedsgottesdienst hast Du Dir das Hohelied der Liebe aus dem 1. Brief Paulus an die Korither gewünscht (1 Kor 13, 1-13) - «Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; am grössten aber unter diesen ist die Liebe.»

Dieser Bibeltext wird meistens bei Trauungen verwendet. Wer nicht die Weisheit, Kraft ... wie Bruno hatte, dem empfehle ich auch ein herkömmliches Buch weiter - «Die zehn Geheimnisse der Liebe» von Adam Jackson. Ein Buch das uns in Erinnerung ruft, wie das Leben eigentlich sein sollte: voller Freude, Staunen und unerschöpflicher Liebe.

Text und Foto: Stephan Marti - Finanzblog - leider wieder mit aktuellen Meldungen aus Pakistan - durch Krankheit oder Aufenthalt in Pakistan haben sich Bruno und Yahya meines Wissens nicht persönlich kennen gelernt.
Wir werden Pfarrer Bruno Weber, Ittigen in guter Erinnerung behalten ...

Pfarrer Bruno Weber

... an einer Vorstandssitzung der Schweizerischen Vereinigung für freies Christentum - heute libref. ...


Bruno Weber

... als Mitinitiant bei der zweiten Kappeler Milchsuppe.

Die Feier findet am Montag 14. Januar 2008 um 14.00 in «seinem Berner Münster» statt. Wir kondolieren von Herzen.

Vielleicht mailt mir ein anderes (Vorstands)-Mitglied noch genauere Daten oder einen Nachruf.

Text und Fotos: Stephan Marti - zur Zeit im Ausland


Nachtrag: Details
«Ausser konservativen Linken schmückt sich heute jeder mit dem Etikett «liberal». Und was, bitte, heisst das überhaupt?»

Ein Artikel von Daniel Binswanger. Für manche kein schöner Artikel. Ich kenne so genannte «Liberale», die vermutlich nicht einmal feststellen werden, dass sie nichts anderes als konservativ sind. Einige nehmen das «liberal-konservativ» bei allen Gelegenheiten in den Mund. Wer in diesem Link sucht, findet den Falschen, der zumindest wissen sollte, dass in der Praxis «liberal-konservativ» noch unsinniger als die Wortkonstruktion «links-rechts» ist. Man ist nicht entweder und oder, man ist allenfalls in der Mitte. Ich denke, als vermutlich einer der ganz Liberalen des Kantons Bern darf ich diese ketzerische Bemerkung machen. Entweder ist man liberal oder konservativ. Wer eine konservative Denkweise hat, hat meistens nicht auch gleichzeitig eine fortschrittliche. Und wer zum Beispiel in wirtschaftlichen Fragen fortschrittlich ist und zum Beispiel in Frauenfragen konservativ, der ist sicherlich nicht ein Liberaler - vielleicht möchte er es eben sein. Auf dem Flugplatz sagt man denen Windfahnen - vielleicht gibt es auch in Politik und Alltag einen Ausdruck dazu. Die Geisteshaltung hat wiederum nichts damit zu tun, dass man in einer Demokratie nicht bereit wäre, einen Kompromiss zu erzielen.

Nun aber der Artikel - er ist ganze fünf Seiten lang und manchmal alles andere, als süffig zu lesen. Kämpfen sie sich durch. Nerven sie sich, wenn Binswanger an griffig wird. Ein wirklich toller Artikel. Herzliche Gratulation.

«Geheimplan, Ausländerkriminalität, Klimaerwärmung: Der Wahlkampf verschafft sowohl den erwartbaren als auch den unerwarteten Knüllern der Politagenda hohe Beschallungsintensität. Etwas diskreter, dafür aber auf breiter Front verhilft der heisse Herbst auch einem politischen Grundbegriff zur Renaissance, der eine lange Geschichte hinter sich hat und für die Entwicklung des schweizerischen Nationalstaate wohl wichtiger ist als jeder andere: der Liberalismus ... lesen sie weiter in DAS MAGAZIN ...»

liberale Position

... testen sie ihre eigene Position aus - mein ehemaliger Beitrag über smartvote. Die Erklärungen stimmen immer noch, es hat aber einige tote Links, weil smartvote ist noch präziser geworden - eine tolle Hilfe für die Nationalratswahlen und interessant für die Ständeratswahlen. Bei letzteren habe ich das Gefühl, dass ich so fortschrittlich bin, dass ich dies in unserem Kanton noch ohne Computer schaffe.

Übrigens, Extremisten finden sie nur in den vier Ecken, genau gesagt fast nur im links-liberalen und im rechts-konservativen Flügel. Es gibt noch andere Extremisten, die seit fünf Jahren beweisen, dass es im Kanton Bern auch Personen gibt, die extrem schnell sind - der schnellste Velokurier - ob er seinen Tarif liberal bekannt gibt?

... übrigens, dieses Blogbeitrag war gestern im Finanzblog zu lesen - Zusammenstellung: Stephan Marti-Landolt
Bei libref beziehen wir Stellung! Beim Kirchgemeindeverband des Kantons Bern finden sie die entsprechenden Zeitungsartikel und einen sachlichen, schlichten Kommentar.

In der Politik kennt jeder das Parteisystem - mehr oder weniger gut. Aber es darf als Allgemeingut betrachtet werden, dass fast jeder Schüler schon weiss, dass es zumindest im Bernbiet die SP, die SVP und die FDP gibt. Im Finanzblog finden sie mein eigenes Profil und viele andere anlässlich der letzten Grossratswahlen. Und sie sehen in der Grafik von Smartvote auch die verschiedenen Profile der anderen Kandidaten und vor allem die Bandbreite der verschiedenen Parteien.

Ich bin weder links noch rechts - ziemlich genau Mitte. Aber extrem liberal. Deshalb schreibe ich auch hier. Man sagt, dass der Freisinn sehr liberal sei! Und anhand der obigen Grafik sehen sie klar und deutlich, dass dies nicht immer stimmt. Es gibt in dieser Aufstellung ein FDP-Parteimitglied, das konservativer als ein PNOS-Kandidat ist. Die Namen spielen keine Rolle, aber Tatsache ist, dass wohl am meisten FDP-Leute liberal sind und dies ist, wohl etwas weniger ausgeprägt, auch bei den Sozialdemokraten der Fall.

Liberal ist in der Politik und der Kirche ein ähnlicher, manchmal identischer Standpunkt, aber liberal ist in der Kirchenpolitik an keine Partei gebunden.

Wer bei den Liberalen mitmachen will, kann dies selbst entscheiden. Einen Aufnahmetest gibt es keinen, denn in unseren Reihen hat es auch eine konsverative Mitglieder. Und nun eine Denksportaufgabe: Wie definieren wir in der Kirche auf der kirchenpolitischen Matrix das politische Pendent von links und rechts? Meist wird auf der einen Seite liberal und auf der anderen evangelikal erwähnt. Mindestens einmal müsste für «liberal» eine andere, besser zutreffende Bezeichnung gefunden werden. Eine nicht ganz leichte Aufgabe.

Nachtrag ... hier ist der Vorschlag, wie die reformierte Kirche angeschaut werden kann:

Kirchenpolitische ausrichtung

Die Kirchenpolitik ist nicht ganz so einfach, wie dies für viele den Anschein macht und deshalb ist das Verhältnis Kirche - Politik so interessant. Andreas Zeller hat im Interview mit der BernerZeitung - siehe KGV (erster Link) - etwas ganz Wichtiges gesagt:
«Darf die Kirche politisch sein?
Sie muss es sogar. Unsere Kiche muss sich überall dort einmischen, wo Unrecht und Armut herrschen, wo Not und Leiden eine Tatsache sind ...».


Eine nicht ganz leichte aber interessante Aufgabe, denn jeder versteht darunter etwas anderes.

Text: Stephan Marti-Landolt - Finanzblog
Die kommende Bivianer Synode ist eine Wegmarke auf die Versammlung unserer freien Protestanten von 2008, an welcher darüber zu befinden ist, ob der Verein mit dem Ziele weiter zu führen ist, den religiösen Frieden als Menschenrechtsfrage im öffentlichen Diskurs zu deklarieren und zu Institutionen zu führen, welche ihn als Menschenrecht durchsetzen.


Doch
- Woher rührt die Fragestellung?
- Welche Fragen fallen unter solch fingierte Komplementärbegrifflichkeit?
- Wer hat sie zu beantworten?
- Wie?

Folgen wir einem Fall aus der Advokatur, der sich in Chur vor einigen Jahren ereignet. Eine junge Kosovoalbanerin und ein schweizerischer Bursche, Postlehrling, treffen sich sommers im Freibad. Sie vereinbaren, abends in den Ausgang zu gehen. Der Vater des Mädchens kehre erst spät aus dem Kosovo zurück, die Erlaubnis der Mutter war leichter zu erwirken. Die Beiden verspäten sich abends, der Regel-Fall. Sie wagt sich nicht mehr zurück, denn der Vater wird zurück sein, sie bedrohen. So wird im Logis des jungen Mannes übernachtet. Morgens, sonntags Spaziergang, nahe Felsplatte am Dachisee. Das Paar setzt sich. Wie weiter? Er verspricht, dass er sie heim begleite, zu ihr stehe, auch dazu, was in der Nacht geschah. Um seine Entschlossenheit zu bezeugen, steht er auf, tut noch einen Schritt, schaut zurück und sieht, wie Marjeta sich über den Felsen 80 m in die Tiefe stürzt.

Alles ereignet sich von hier an insoweit, als ob es nicht der Fall wäre; Die Eltern werden von der Polizei desinformiert, was den Tod ihrer Tochter betrifft. Ihre Tochter sei über eine Brücke in den Tod gefallen, doch auch der Fall des Mädchens über einen Felsen stösst, u.a. beim Piloten der Rettungsflugwacht, auf Skepsis, denn er birgt das Opfer als äusserlich kaum mit einer Schrammwunde verletzt. Ein Beweis scheitert am Kultus, dem Ritual der Muslime, das Obduktion verbietet. Der Freund des Mädchens setzt sich einer Todesdrohung aus, statt, dass der Fall als juristischer zu behandeln ist. Die Staatsanwalt stellt ihn ein. Roma locuta, causa finita. Der Fall spielt sich in einer Gegenwelt ab, insoweit Welt ist, was der Fall ist, und dieser Fall scheint den Fall zu verneinen … bzw. ihn aufzufangen, religiös, nach Rilkes ‚Und doch ist Einer, welcher dieses alles Fallen sanft in seinen Händen hält’.

Der Rechtsfriede als Ziel des juristischen Prozedurierens hat sich damit nicht eingestellt. Der Freund der Majeta, der seitens ihres Vaters des Mordes an seiner Tochter bezichtigt wird, musste weichen, seine Identität vertuschen, um sich vor Blutrache ‚im eignen Lande’ zu schützen. Die Familien von behauptetem Täter und Opfer bleiben sich verfeindet. Feindschaft zwischen Christ und Muslim, Ansässigem und Einwanderern. Das Verhältnis zwischen Religion und Recht ist ambivalent, das Menschenrecht auf religiösen nachbarschaftlichen Frieden fängt den Konflikt im Urteil dessen auf, dass unsere erste Verpflichtung, unsere erste Menschenpflicht der geschöpften Welt Gottes gilt (H. Cohen).

Der Fall möge veranschaulichen, dass die Frage der unterstellten Abhandelbarkeit von religiösem Frieden unter der Aegide vom Menschenrecht sich auf kein Zerwürfnis bezüglich Tragen von religiösen Symbolen, Amuletten, Moscheenstandorten, Schwimmunterricht eng begrenzt. Er zeigt auch, dass die staatlichen Instanzen anstehn, wenn religiöse Fragen, gar Blutrache, im Raume stehn. Sie weichen auf Desinformation aus, wie die Polizei, welche den Eltern einen verhängnisvollen Fehltritt auf einer Brücke ihrer Tochter meldete, um bohrenden Fragen zuvor zu kommen.

Der Fall zeigt schliesslich, dass die Frage des religiösen Friedens komplex ist, sich trotzdem zugleich in ziemlich selbstverständlichen, um nicht zu sagen trivialen Verhältnissen eines Flirts in der Badeanstalt einer periphären Kleinstadt virulent ereignet, tödlich enden kann. Hier ist weiters zu fragen, um dann zu prüfen, wie gute, auf Frieden bedachte Religion und das (Menschen-)Recht rechtskräftig auszutarieren sind?

Text: Jean-Claude Cantieni. Chur

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